Mangaka: Kozue Amano
Titel: AQUA
Genre: Iyashi Kei
Allzu gerne vergisst man als Leser, dass Manga an sich überhaupt nicht mit uns als Zielgruppe im Kopf gemacht worden und uns eigentlich nur des amerikanischen Kinos wegen in eine Richtung entwickelte, die uns verständlich blieb. Trotzdem trifft man immer wieder auf Werke, deren Intention uns zwar erreicht und berührt, aber einer Erklärung bedürftig bleiben, da es in unserer Popkultur kein Äquivalent dazu gibt. Manga des Typus "Iyashi Kei" gehört zu diesen.
Die Klasse zeichnet sich dadurch aus, dass ihr jegliche dramatische Handlung abgeht. Ihr Ziel ist es nicht, die Temperamente ungesunde in Wallung zu bringen und Fallhöhen aufzubauen sondern jedes einzelne Kapitel soll den Leser wieder ganz, in sich geerdet und von leichtherziger Fröhlichkeit mit vielleicht einer Spur Melancholie erfüllt zurücklassen. Mittel dazu sind sind lyrische Naturbeobachtung und konfliktfreie, einfache Beziehungen und beschwinglicher Humor. Die Personen sind ehrlich zu sich selbst und zufrieden mit ihrer Arbeit und sollte es nicht so sein, kann dies leicht geheilt werden.
Kumichi Yoshizukis Someday's Dreamers und Kenji Tsurutas Spirits of Wonder hatten Elemente von Iyashi Kei da beide Autoren darin ein sehr freundliches und grundsätzlich positives Menschenbild vertraten doch beide kranken noch ein wenig daran, dass die einzelnen Episoden einer internen Dramatik folgen. Es gibt stets ein Problem oder eine Herausforderung, die überwunden werden muss um die Episoden und schlussendlich den Manga zu beenden, AQUA hat damit aufgeräumt. Es gibt kein Drama, keine Action und es passiert nichts, außer das die Jahreszeiten kommen und gehen und wir die Charaktere bei einigen Höhepunkten ihres Alltaglebens beobachten dürfen.

Schnell erzählt ist dementsprechend die Handlung:
Wir schreiben den 3.April 2301 Mars, der Planet des Kriegsgottes hat sich unter den Händen der Menschen verändert. 150 Jahre Terraforming und ein kleiner Berechnungsfehler verwandelten den blutroten Kämpen in einen tiefblauen Wasserplanten, der volkstümlich nur noch "Aqua" genannt wird. Mizunashi Akari setzt gerade zusammen mit anderen Touristen und einem Ziel vor Augen zur Landung in Neo Venetia an:
Sie will Undine werden.
Undinen sind die im ganzen Sonnensystem berühmten Fremdenführerinnen von Neo Venetia, eine phantasievolle Mischung aus Venedigs Gondollieren und den typischen weiblichen Reiseführerinnen Japans. Denn die Stadt Neo Venetia ist eine Nachbildung des alten Venedigs der Erde und Mars als ganzes ein Touristenplanet, auf dem sich die Menscheit alles erhält, für das sich auf der inzwischen hochindustrialisierten Erde wohl aus wirtschaftlichen Überlegungen kein Platz mehr finden ließ. Das umfasst neben Festivals auch Feuerwerke, ein leicht unberechenbares Klima und gewisse Formen der vertikalen Beziehung, deren Wert für unsere globale Kultur und das Wohlbefinden der Menschheit natürlich unbestreitbar ist.
Akari hat Anstellung und Ausbildungsplatz bei der "Aria Company", einem kleinen Betrieb mit gutem Ruf aber genau einer Mitarbeiterin neben ihr gefunden, doch während sie auf die Person wartet, die sie am Raumhafen Marco Polo abholen sollte, schnappt sich eine dickliche Marskatze ihr Gepäck und verhilft ihr damit zu ihrer ersten Fahrt durch Neo Venetia.
Dabei stellt sich für den Leser heraus, dass sie so ziemlich dem Stereotyp der Shoujo-Heldin entspricht. Unbestreitbar ist nämlich, dass sie ein herausragendes Talent hat, nämlich eines fürs Rudern. Natürlich ist sie gleichzeitig auch in einer sehr originellen Weise ungeschickt genug, um das Training nicht entbehren zu können und ähnlich ergeht es dem restlichen Cast. Sie trifft in den beiden Bänden von AQUA neben der schon genannten Katze noch drei weitere Charaktere: Alicia, ihre mütterlich-sanftmütige Vorgesetzte und Ausbildnerin, Aika, eine ein wenig passiv-aggressive Auszubildende einer anderen Undinen-Kompanie die Alicia ein wenig zu sehr verehrt und den etwas zu geradelinigen Salamander Akatsuki. Wohl bewusst hat sich der Autor entschieden, die gesamte Belegschaft eines durchschnittlichen Shoujo-Manga hereinzunehmen nur um sie nicht aufeinander los zu hetzen um dem Werk noch eine subtilere Dimension der Deeskalation hinzuzufügen. Diese drei werden dem Leser auch weiterhin in der Nachfolgeserie ARIA begegnen. Kozue Amano wechselte nämlich nach zwei Bänden das Magazin und sah sich deswegen gezwungen, einen neuen Titel zu finden. Glücklicherweise behielten die beiden Staffeln der Animeumsetzung, ARIA the Animation und ARIA the Natural dann diesen bei.
Alles in allem ist der Manga sehr gut gelungen und entspannt, hat allerdings einige Schwächen die mir persönlich den Genuss ein wenig verdorben haben. Zum ersten ist da die Amodernität, die sich durch die beiden Bände zieht und der wiederholte Verweis darauf, dass Aqua und Neo-Venetia nur notwendig sind, weil die Erde eine perfekte Dystopia geworden ist. Iyashi Kei ist apologetisch und es sollte deswegen nicht wesentlich sein, wie schlimm die Situation im Gesamten aussieht, Schönheit und Momente der einfachen Glücksseeligkeit gibt es immer. Sich aus hundert Tagen nur die schönsten paar herauszupicken, die dann auch noch zufällig mit einem bemerkenswerten kalendarischen Ereigniss zusammenfallen, und dabei noch darauf verweisen zu müssen, dass es anderswo schlechter ist, ist sehr schwach für dieses Genre.
Die Stärken der beiden Bände liegen darin, das die Qualität der Zeichnungen schon von Anfang an sehr hoch ist, dass der Fanservice obwohl die gesamte Handlung im mizu shobai spielt dezent ausgeführt ist und das die Serie ihre Wirkung in erster Linie aus dem graphischen und weniger aus dem Zusammenspiel von Text und Graphik zieht. Dies zusammen damit, dass die Geschichte fast vollständig in einem Stadtraum spielt hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Adaption zum Anime als erfolgreich betrachtet werden kann.
Erfolgreich genug, dass ich dem Leser nahe legen möchte, die beiden Bände nur als Einführung in die eigentliche Serie, ARIA, zu betrachten. Denn als die beiden ein wenig misslungenen ersten zwei Bände einer großartigen und höchst empfehlenswerten Iyashi Kei Serie haben sie ihre Existenzberechtigung. Sie wird zwar nie ganz an den Spitzenreiter des Genres, Yokohama Kaidashi Kikou, herankommen, auch wenn die späteren Bände dann endlich von den Festen wegkommen und mehr gewöhnliche Tage schildern, stellt aber trotzdem definitiv eine der besseren Investitionen dar. ARIA wird unter garantie gelingen, was AUQUA noch nicht ganz erfüllen konnte, denn darin gelingt es Akari und dem Autor, die Schönheit jedes Momentes auf Aqua als unvergleichlich zu erfassen. |